| Organistische Evolutionen |
| "Kunst wird gemacht: Die Hauptsache dabei ist somit die künstlerische Praxis, wo die Hand mit dem Werkzeug – also letztlich das Handwerk – das Werk hervorbringt als errettende Tat. Künstler sind demnach vorwiegend Praktiker. Jojo Darski ist einer von ihnen. |
| Manche machen sich manchmal Gedanken über Kunst: Die Hauptsache dabei ist somit die künstlerische Theorie, die ästhetik, wo Kopf, Herz und Mund – also letztlich das Mundwerk – Erkenntnisse hervorbringen als erlösendes Wort. Gedankenmacher sind demnach vorwiegend Theoretiker. Wir alle gehören zu diesen. |
| Sich Gedanken über etwas machen – warum eigentlich? Das Ursache aller solcher Anstrengungen ist unser ständiges Bedürfnis nach Mitteilung, nach Kommunikation, nach Gemeinsamkeit. Wir Menschen sind denkende, arbeitende, kommunikative Kreaturen. Kommunikation ist demnach wesentlich für uns, sie erzeugt Gemeinschaft, überwindet Isolation. |
| Im Design haben wir gelernt, dass wir bei aller Kommunikation uns wenigstens über drei Aspekte Gedanken machen müssen: Da gibt es zunächst immer das Inhaltliche, das Thema, also das Was? beziehungsweise das Worüber? Da gibt es ferner die Gründe und Motive, die Ursachen, also das Warum? sowie die Ziele und Absichten, die Wirkungen, also das Wozu? Und da gibt es schließlich eine Art und Weise, eine Methode, also das Wie? einschließlich der Medien, der Sprache, der Zeichen, also das Womit? Welche Sprache benutzen wir, um unser Thema gezielt anderen mitzuteilen. |
| Wenn nun Jojo Darski Kommunikation will – und das bekundet er – so müssen wir uns über dreierlei Gedanken machen: Was ist sein Thema? Warum und Wozu seine Kommunikation? Wie und Womit erreicht er sie? |
| Zunächst zu seinen Themen: „Organistische Evolutionen“. |
| Den Begriff der „Evolution“ kennen wir aus der Natur (seit Darwin), und wir verstehen darunter jede fortschreitende Entwicklung, jede Entfaltung, jedes Fortschreiten, jeden Fortschritt. Evolution als Prozess denken wir uns dabei als ein langsames, gezieltes und kontinuierliches Fortschreiten. Bei plötzlichen oder großen Sprüngen sprechen wir dagegen von Revolution oder gar von Katastrophen. |
| Jojo Darski spricht absichtlich von „Evolutionen“ (im Plural) und das bedeutet, dass es vielfältige solche Entwicklungen gibt, viele Wirklichkeiten, viele Wahrheiten nebeneinander, gleichzeitig, simultan. Evolutionen sind stets vielfältig, niemals einfältig. |
| Was bedeutet „organistisch“? Zunächst ist darin der Begriff „Organ“ enthalten und Organe sind Körperteile von Lebewesen, die bestimmte Funktionen erfüllen. Beispielsweise unsere Sinnesorgane, die Augen, die Ohren, die Nase etc. Aber wir verstehen unter Organ auch speziell die menschliche Stimme (er hat ein lautes Organ) und schon gibt es Irritationen zwischen diesen beiden Bedeutungen. Aber damit noch nicht genug: Eine Zeitung etwa nennen wir auch ein Presse-Organ, gesellschaftliche Institutionen und Behörden kennen gesetzgebende Organe und ausführende Organe. Und so wird aus der anfänglichen Zweideutigkeit schnell eine Mehrdeutigkeit, Vieldeutigkeit. Mehrdeutiges ist aber häufig Ursprung für Missverständnisse – nicht nur beim übersetzen von einer Sprache in eine andere – wir sprechen von Janusköpfig, von ambivalent, von homonymen Begriffen, von Rätselhaftem. Wir kennen das aus zahlreichen Sprachspielen, aus lustigen Illustrationen von Texten und insbesondere auch aus vielen Pointen bei Witzen (Z.B.: Ein Verkäufer ruft: „Heiße Würstchen.“ Ich antworte: „Heiße Maser.“). Und die Möglichkeiten für Verwirrungen, für Kommunikationsfehler, für Missverständnisse gehen noch weiter: Ein „Organismus“ ist ein Lebewesen; „organisch“ bedeutet natürlich. Unter „Organon“ verstehen wir allgemein ein Werkzeug, ein Hilfs-Mittel, speziell ein musikalisches Instrument, zum Beispiel die „Orgel“. Der „Organist“ ist der Orgelspieler. „Organologie“ ist sowohl die Lehre von den Organen, als auch die Orgelbaukunde. „Organisieren“ schließlich bedeutet planmäßig ordnen, aufbauen, gestalten. |
| Jojo Darski interessiert sich für solche sprachlichen Vieldeutigkeiten als Ursachen für Irritationen, für Fragwürdiges, für Reizvolles, für Rätselhaftes. Daher werden sie seine Themen. |
| Fazit: Die „organistischen Evolutionen“ von Jojo Darski umfassen inhaltlich den Aufbau, die Entwicklung, die Entfaltung von Organismen, von Lebewesen, von Orgelspielern, von neuen, lebendigen, vielfältigen, raumfüllenden, harmonischen Welten auf der Grundlage von mehrdeutigen, homonymen, rätselhaften, zeichenhaften Elementen, Symbolen, Bildern, Wörtern. Seine Themen liegen also im Spannungsfeld zwischen der wirklich vorhandenen Welt, über die wir Kommunikation erreichen wollen und den von uns Menschen hervorgebrachten Zeichen, Wörtern, Bildern, Sprachen, die wir als Kommunikations-Mittel zu obigem Zweck verwenden. |
| Jetzt zu den Gründen, Motiven, Ursachen sowie zu den Zielen, Absichten, Wirkungen von Jojo Darski: |
| Aus der Sicht von uns Betrachtern, von uns Gedankenmachern, ist das Rätselhafte etwas Anregendes, etwas reizvolles, etwas Faszinierendes. Rätsel fordern uns auf zur Auseinandersetzung, zur Beschäftigung: Rätsel wollen gelöst werden. Und wenn wir dann des Rätsels Lösung finden, erfüllt uns dies mit Lust und Freude. Vermutlich lernen wir das schon als kleine Kinder in Märchen und Mythen und vergnügen uns damit freiwillig in jedem Alter, ein Leben lang: Bilderrätsel, Kreuzworträtsel, Sudoku, … Wolkenbilder lesen, bis hin zu den Wissenschaften selbst, die des Pudels Kern erraten wollen beziehungsweise was die Welt im Innersten zusammenhält. Wir Menschen rätseln gerne, es macht uns Spaß, vielleicht deshalb, weil wir dabei sofort den Erfolg erkennen. Das weiß Jojo Darski. Beim Rätseln sind wir Menschen als Ganzes beschäftigt: Kopf und Herz; Logik und ästhetik; rational, emotional, intuitiv; freiwillig; spielerisch. Rätsel lösen ist daher geglückte Unterhaltung, ein Glücksfall für den ganzen Menschen. Dieses Glück kennt Jojo Darski aus eigenem Erleben und er setzt sich das Ziel, solches Glück beim Betrachter zu initiieren, zu vervielfältigen und zu kommunizieren. |
| Organistische Evolutionen als rätselhafte Gebilde fordern uns auf zum Selber-Gedanken-Machen und sie belohnen unsere Anstrengungen mit Freude, mit Spaß, mit Glück. Bleibt nur noch die Frage: Wie macht Jojo Darski das? Und mit welchen Mitteln? |
| Jojo Darski spielt seine „Orgeln“ mit allen Registern auf der Grundlage handwerklicher Perfektion: Er spielt mit Formen, Farben, Tönen, Mischtechniken, Bedeutungen, Deutungen, Interpretationen, Vagheiten, Irritationen, Gegensätzlichem und immer in humorvoller Weise: Insekt – in Sekt. Mal beginnt er mit Begriffen und findet dazu rätselhafte Bilder, Illustrationen, Metaphern. Mal beginnt er mit Bildern und findet dazu rätselhafte Titel. Beim Betrachten geht es uns ähnlich: Wir schwanken ständig hin und her zwischen verbaler und visueller Kommunikation. „Kunststücke mit Hintersinn“, „Provokation mit Feinsinn“, „Herausforderung an die Phantasie“, … so urteilt die Presse. |
| Das Gegensätzliche ist dabei das zentrale Element: Wort und Bild, Prozess und Resultat, Klarheit und Vagheit, eindeutig und mehrdeutig, wahr-nehmen und falsch-nehmen, Ordnung und Unordnung, Kosmos und Chaos, …Dieses Gegensätzliche – und zwar nicht als ‚entweder oder‘ sondern als ‚sowohl, als auch‘, als Yin und Yang – eröffnet uns Spielräume, ermöglicht Bewegung, Entfaltung, Lebendigkeit, Harmonie, eben Evolution. Dieses Gegensätzliche als Rätselhaftes macht uns Betrachter neugierig und veranlasst uns zur freiwilligen, spielerischen, rationalen, emotionalen und intuitiven Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten und belohnt uns im Erfolgsfall mit Schmunzeln, mit Freude, mit Lust, mit Glück. Dabei reproduzieren wir den Aufbau, die Entfaltung, die Evolutionen, die neuen Welten des Jojo Darski vom Einfachen zum Komplexen, vom Chaos zum Kosmos, vom Rätsel zur Lösung. Und solch spielerisches Ordnen erkannte Platon schon als Prinzip der Schönheit und als Beginn aller Kultur. Spielen erfolgt zwar nach allgemeinen Spielregeln, die für alle gleichermaßen gültig sind, trotzdem aber gibt es immer gute und schlechte Spieler: Der subjektive Umgang mit solch objektiven Regeln ist also das eigentlich Reizvolle, ist die Ursache für die Existenz von Gewinnern und Verlierern. Gewinnen macht Spaß, macht glücklich. |
| Also: Ich wünsche Ihnen jetzt viel Spaß und Glück beim wahr-nehmen, beim Entschlüsseln, beim Lesen, beim Lösen, beim Orgeln mit den organistischen Evolutionen des Jojo Darski. Die Ausstellung, die Lesung, die Lösung, der Spielraum ist eröffnet. |
| Eröffnungrede in der Galerie Blickfang, Wuppertal, 01.08.2008. |
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